Führungskräfte im Gespräch Zeitungsinterview

Sarah Becker, Wohnwagen Becker

Wir sind Wohnwagen Becker

Seit über 40 Jahren steht Wohnwagen Becker in Fuldatal bei Kassel für Caravaning, Service und technische Kompetenz. Gegründet wurde das Unternehmen 1982 von Jürgen Becker, der zunächst mit einem Wohnwagenhandel in einer angemieteten Traglufthalle startete. Heute zählt Wohnwagen Becker mit neun Marken und mehr als 23.000 m² Betriebsgelände zu den großen deutschen Caravaning-Fachbetrieben. 2013 übernahm Tochter Sarah Becker den aktiven Geschäftsbetrieb und führt das Unternehmen seitdem eigenverantwortlich weiter.
Text: Peter Hirtschulz

Camper Professional − Frau Becker, Sie haben die Verantwortung für einen großen Caravaning-Betrieb aus den Händen Ihres Vaters übernommen. Familientradition und Verpflichtung oder eigenes Interesse?

Sarah Becker − Für mich war lange Zeit überhaupt nicht selbstverständlich, den Betrieb einmal zu übernehmen. Ich war zunächst beruflich und im Studium eher in eine andere Richtung unterwegs. Erst später ist die Entscheidung gereift, tatsächlich Verantwortung im Unternehmen zu übernehmen. Wichtig war mir dabei immer: Wenn ich diesen Schritt gehe, dann aus eigener Überzeugung – nicht aus familiärer Verpflichtung heraus.
Mein Vater hat Wohnwagen Becker mit viel Leidenschaft aufgebaut und früh erkannt, wie wichtig Servicequalität, technische Kompetenz und verlässliche Kundenbeziehungen im Caravaning sind. Diese Ausrichtung prägt uns bis heute.
Als ich 2013 die Verantwortung übernommen habe, war mir wichtig, den Betrieb gemeinsam mit unserem Team weiterzuentwickeln – mit modernen Strukturen, Digitalisierung sowie Investitionen in Mitarbeiter und Ausbildung.

Camper Professional − Wie fühlen Sie sich in Ihrer Position als Frau im Wettbewerb und unter zumeist männlichen Kollegen. Werden Sie dem pauschalen Begriff der Powerfrau gerecht? Gibt es einen Austausch mit weiblichen Mitbewerberinnen wie beispielsweise Manuela Brecht?

Sarah Becker − Ich glaube, ich selbst hatte bei der Übernahme des Unternehmens deutlich weniger Berührungsängste, als manche Menschen von außen vielleicht erwartet hätten. Mir war bewusst, dass Frauen – gerade als allein verantwortliche Unternehmerinnen – in unserer Branche eher die Ausnahme sind. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass mich das davon abhalten sollte, diesen Weg zu gehen.
Die Caravaning-Branche ist in vielen Bereichen weiterhin eher männlich geprägt. Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kompetenz, Verlässlichkeit und unternehmerisches Denken deutlich wichtiger sind als klassische Rollenbilder.
Es gab und gibt Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass man als Frau anders wahrgenommen wird. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, dass andere Perspektiven und Herangehensweisen durchaus hilfreich sein können.
Beim Austausch innerhalb der Branche spielt das Geschlecht für mich persönlich keine besondere Rolle. Entscheidend ist für mich weniger, ob jemand Mann oder Frau ist, sondern ob der Austausch fachlich interessant und menschlich angenehm ist. Kolleginnen wie beispielsweise Manuela Brecht schätze ich dabei ausdrücklich für ihre Kompetenz und ihr Engagement in der Branche.

Camper Professional − Was haben Sie seit Ihrem Amtsantritt 2013 im Betrieb verändert oder ausgebaut?

Sarah Becker − Seit 2013 hat sich unser Unternehmen in vielen Bereichen weiterentwickelt. Ein wichtiger Schwerpunkt war die Modernisierung von Strukturen und Prozessen. Besonders sichtbar ist das im Servicebereich. Moderne Freizeitfahrzeuge werden technisch immer anspruchsvoller – deshalb investieren wir kontinuierlich in Werkstattkapazitäten, Mitarbeiterqualifikation und Ausbildung. Heute verfügen wir verteilt auf vier Gebäude über insgesamt 17 Hallenarbeitsplätze. Seit dem vergangenen Jahr bilden wir gezielt im Bereich Caravan- und Reisemobiltechnik aus und stellen aktuell vier von sechs Auszubildenden in diesem Bereich in Hessen.
2017 haben wir mit dem „Strandhaus“ einen eigenständigen Bereich für die Vermietung geschaffen. 2018 wurde unser Zubehörshop modernisiert, 2020 der Wartebereich neu gestaltet. Wichtig sind mir außerdem nachhaltige Investitionen. So sind inzwischen alle geeigneten Dachflächen unseres Betriebes mit Photovoltaikanlagen ausgestattet.

Camper Professional − Was waren Ihre größten Schwierigkeiten nach Übernahme des Geschäftsbetriebs?

Sarah Becker − Die größte Herausforderung war sicherlich, Verantwortung für ein gewachsenes Familienunternehmen zu übernehmen und gleichzeitig eigene Entscheidungen treffen zu müssen. Hinzu kommt, dass sich unsere Branche permanent verändert – technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Eine weitere große Herausforderung ist bis heute das Thema Fachkräfte. Moderne Freizeitfahrzeuge werden technisch immer komplexer. Gute Mitarbeiter im Servicebereich zu finden und langfristig zu halten, ist deshalb eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt. Besonders im Servicebüro hat sich die Belastung in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Anspruchshaltung vieler Kunden ist höher geworden, gleichzeitig nehmen Konflikte im Zusammenhang mit Gewährleistung, Teileversorgung und Herstellerthemen spürbar zu.
Hinzu kommen Entwicklungen, die man unternehmerisch kaum planen kann – von Lockdowns und Lieferproblemen bis hin zu Extremwetterereignissen wie dem massiven Hagelschaden bei uns in 2023.

Camper Professional − Was zählen Sie zu ihren persönlich größten Erfolgen als Geschäftsführerin von Wohnwagen Becker?

Sarah Becker − Für mich sind die größten Erfolge weniger einzelne Zahlen als vielmehr die Entwicklung des Unternehmens über viele Jahre hinweg. Ich freue mich darüber, dass wir Wohnwagen Becker als modernen und gleichzeitig familiären Caravaning-Fachbetrieb weiterentwickeln konnten – mit über 60 Mitarbeitenden sowie einer breiten Aufstellung in Verkauf, Vermietung und Service. Besonders wichtig ist mir das Thema Ausbildung. Wenn junge Menschen sich bewusst für unsere Branche entscheiden und wir sie auf ihrem beruflichen Weg begleiten können, ist das für mich ein großer Erfolg.

Camper Professional − Haben Sie eigentlich mal über eine Namensänderung nachgedacht? Wohnwagen Becker hört sich etwas eingeschränkt an.

Sarah Becker − Die Frage bekommen wir tatsächlich immer mal wieder – besonders weil sich Caravaning und auch unser Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert haben.
Als mein Vater 1982 gestartet ist, lag der Schwerpunkt klassisch im Bereich Wohnwagen. Heute umfasst unser Unternehmen deutlich mehr – von Wohnmobilen und CamperVans bis hin zu Vermietung, Werkstatt, Nachrüstung und Service. Trotzdem haben wir uns bewusst dafür entschieden, den Unternehmensnamen beizubehalten. „Wohnwagen Becker“ steht heute weniger für eine bestimmte Fahrzeugart als vielmehr für unsere Unternehmensgeschichte und das Vertrauen vieler langjähriger Kunden.

Camper Professional − Wie würden Sie Ihren Betrieb heute beschreiben? Welche Marken/Produkte und welche Serviceleistungen bieten Sie an?

Sarah Becker − Ich würde Wohnwagen Becker heute als modernen und vielseitigen Caravaning-Fachbetrieb mit langjähriger Marktpräsenz in Deutschlands Mitte beschreiben. Wir vertreten die Marken Hymer, Bürstner, Carado, Niesmann+Bischoff, Eriba, Pössl, Roadcar, Hobby und T@B. Gleichzeitig gehören Verkauf, Vermietung, Werkstatt, Nachrüstung, Zubehör und Service für mich untrennbar zusammen.
Die Anforderungen des Marktes verändern sich ständig. Das betrifft beispielsweise auch die Vermietung, deren Flottengröße wir regelmäßig an die jeweilige Marktsituation anpassen. Mit dem „Strandhaus“ haben wir dafür einen eigenständigen Standort geschaffen und die Vermietung organisatorisch, technisch und personell als vollwertigen Unternehmensbereich weiterentwickelt.

Camper Professional − Viele Betriebe haben Probleme mit hohen Lagerbeständen und dem Druck alljährlicher Neuerungen. Wie sehen Sie die Situation?

Sarah Becker − Die vergangenen Jahre waren für die gesamte Branche außergewöhnlich. Nach einer Phase extrem hoher Nachfrage erleben wir aktuell wieder deutlich normalere Marktbedingungen. Gleichzeitig stehen viele Betriebe vor hohen Lagerbeständen sowie erheblichem Preis- und Margendruck. Ich glaube trotzdem, dass man die Situation differenziert betrachten muss. Caravaning bleibt ein attraktives und emotionales Produkt. Der Wunsch nach individuellem und flexiblem Reisen wird aus meiner Sicht auch künftig bestehen bleiben.
Die Branche muss sich aber darauf einstellen, dass die Boomjahre nicht der neue Dauerzustand waren. Viel wichtiger werden wirtschaftliche Stabilität, professionelles Bestandsmanagement und eine gesunde Balance zwischen Verkauf, Service und Kundenbindung. Gerade deshalb wird der Servicebereich künftig noch stärker zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Camper Professional − Mit welchen Konzepten begegnen Sie den Problemen in der Branche – auch bedingt durch die gesamtwirtschaftlich eher schwierige Wirtschaftssituation?

Sarah Becker − Ich glaube, dass man sich den Veränderungen in unserer Branche sehr ehrlich stellen muss. Viele klassische Geschäftsmodelle funktionieren heute nicht mehr in derselben Form wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Deshalb versuchen wir, unsere Stärken konsequent weiterzuentwickeln. Für uns bedeutet das vor allem: hohe Servicequalität, technische Kompetenz, qualifizierte Mitarbeiter und eine enge Kundenbindung.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Weiterentwicklung unseres Zubehörbereichs. Reine Verkaufsfläche verliert zunehmend an Bedeutung. Deshalb schaffen wir heute bewusst mehr Raum für Beratung, Servicequalität und persönliche Betreuung. Parallel investieren wir weiter in Ausbildung, Digitalisierung und nachhaltige Infrastruktur. Eine weitere wichtige Frage wird aus meiner Sicht sein, wie guter Service dauerhaft wirtschaftlich tragfähig bleiben kann. Besonders herausfordernd ist dabei der Gewährleistungsbereich. Zwischen den tatsächlichen Werkstattkosten und den von Herstellern vergüteten Gewährleistungsstundensätzen besteht teilweise seit Jahren eine deutliche Differenz. In wirtschaftlich starken Jahren konnten viele Betriebe diese Belastungen noch intern auffangen. In der aktuellen Marktsituation wird das jedoch zunehmend schwieriger. Gute Servicequalität wird langfristig nur möglich sein, wenn sie auch wirtschaftlich vernünftig darstellbar bleibt.

Camper Professional − Wie weit ist das Thema Digitalisierung in Ihrem Betrieb vorgedrungen?

Sarah Becker − Digitalisierung ist für uns längst Teil des täglichen Arbeitens geworden. Gleichzeitig darf Digitalisierung im Caravaning aus meiner Sicht nie Selbstzweck sein, sondern muss Prozesse sinnvoll verbessern und Mitarbeiter wie Kunden entlasten.
Wir arbeiten heute noch nicht in allen Bereichen mit vollständig durchgängigen Systemen, haben aber in den vergangenen Jahren viele Abläufe digitalisiert und weiterentwickelt. Im Service- und Shop-Bereich arbeiten wir beispielsweise seit rund zwei Jahren mit einem professionellen Ticketsystem. Gleichzeitig steigen durch zunehmend digitalere und komplexere Fahrzeuge auch die Anforderungen an Werkstätten und Mitarbeiter. Gerade deshalb braucht die Branche aus meiner Sicht dringend offenere digitale Schnittstellen und einfachere Prozesse – insbesondere im Zusammenspiel zwischen Herstellern und Fachbetrieben.

Camper Professional − Zum Schluss, wie beurteilen Sie die Zukunft der Branche unter allgemeinwirtschaftlichen Gesichtspunkten, unter Berücksichtigung der aktuellen C-Platz/Stellplatz-Infrastruktur und auch der Zukunft mit der E-Mobilität.

Sarah Becker − Ich bin überzeugt, dass Caravaning auch künftig für viele Menschen eine attraktive Form des Reisens bleiben wird. Der Wunsch nach individuellem und flexiblem Reisen ist ungebrochen. Gleichzeitig befindet sich die Branche aktuell in einer Phase der Neuorientierung. Nach den Boomjahren erleben wir wieder deutlich normalere Marktbedingungen. Künftig wird aus meiner Sicht vor allem die Infrastruktur eine wichtige Rolle spielen. Viele Camping- und Stellplätze stoßen bereits heute an Kapazitätsgrenzen. Hinzu kommt, dass manche Betreiber klassische Stellplätze zugunsten von Mobilheimen oder Tiny Houses reduzieren.
Auch das Thema E-Mobilität wird die Branche weiter beschäftigen. Gerade im Caravaning sehe ich kurzfristig noch einige technische und infrastrukturelle Herausforderungen – von Reichweiten und Ladeinfrastruktur bis hin zu veränderten Anforderungen im Zugfahrzeugbereich.
Ein weiterer Punkt, den ich immer wieder anspreche, sind zunehmende Wetterextreme. Wir selbst waren 2023 von einem massiven Hagelereignis betroffen und spüren die Folgen bis heute. Trotz aller Herausforderungen bin ich überzeugt, dass gut aufgestellte Caravaning-Fachbetriebe auch künftig sehr gute Perspektiven haben werden – wenn die äußeren Belastungen für die Branche insgesamt beherrschbar bleiben.