Interviews mit Wohnmobilherstellern Zeitungsinterview

Alexander Reichmann, Ahorn Camp

Ahorn Camp wurde 1991 von Hans-Joachim Reichmann gegründet und wird heute von Franziska und Alexander Reichmann geführt. Wir haben auf der CMT 2026 mit Alexander über die aktuelle Geschäftsstrategie des Unternehmens gesprochen.

Text: Peter Hirtschulz – Fotos: Claus-Detlev Bues / Werksbilder

Im Jahr 1991 gründet Ingenieur und Investor Hans-Joachim Reichmann die Firma Ahorn Wohnmobile GmbH in der Gemeinde Ahorn, die als Namensgeber diente. Ziel war damals, standardisierte Reisemobilserien in externen Werken im europäischen Ausland zu produzieren. Das Konstruktions-Know-how und die Qualitätskontrolle sollten jedoch in Deutschland bleiben. Aktuell wird das Unternehmen durch die nächste Reichmann Generation, in persona Franziska und Alexander geführt. Camper Professional Deutschland traf beide auf der CMT und führte ein Interview mit Alexander, der eloquent, gut gelaunt aber immer zielgerichtet über die aktuelle „AhornCamp“-Firmen-Philosophie und Produktstrategie Auskunft gab.

Camper Professional − Die Geschichte von Ahorn Camp ist eng mit Ihrer Familie verbunden.

Alexander Reichmann − Ja, wir sind und bleiben eine Familie oder auch ein Familienbetrieb. Unser Vater gehört, wie bei vielen Wettbewerbern im Ursprung, als Ingenieur zu den tüftelnden Pionieren im Reisemobilgeschäft. Mit seinem Motto „Technik von morgen – schon heute“ engagierte er sich immer mit innovativen Konzepten sein Reisemobilgeschäft nach vorne zu bringen. Schon Ende der 90er-Jahre hatte er visionär beispielsweise mit dem Citymobil ein kompaktes, stadttaugliches Reisemobil auf Ford Transit mit Raumbad im Heck entwickelt. Dieses familiäre Engagement und seine unternehmerischen Ziele haben auch wir Kinder mitbekommen. Entgegen der vielerorts herrschenden Konzernstrategie, bleiben wir bei unseren „Leisten“ und behaupten uns mit familiärer und kundenorientierter Ausrichtung im täglichen Wettbewerb. Mit der Familie als Motor bleibt die Philosophie des Unternehmens klar im Fokus: Wir sind die bessere Alternative. Mit qualitativ hochwertigem Interieur, edlem Außendesign und top-zuverlässigen Renault-Chassis überzeugen wir mit fairen Preisen.

Wie hat sich das Unternehmen seit den 1990er-Jahren entwickelt?

Alexander Reichmann − Generell können wir mit der Entwicklung des Unternehmens sehr zufrieden sein. Unser Vater hat immer sein Bestes gegeben um den Kunden ein bestmögliches Produkt und entsprechende Dienstleistungs- sowie Service-Qualität zu liefern. Natürlich gab es wie überall UPs und DOWNs, was bei uns letztendlich im Jahr 2005 zur Einstellung des Neufahrzeuggeschäfts führte. Das Unternehmen lebte jedoch weiter mit Service und der Ersatzteilversorgung für die bestehenden Reisemobile im Markt. Im Jahr 2013, nachdem ich ein paar Jahre bei Fiat im Bereich „Wohnmobile Customer Relations“ tätig war, bin ich dann 2013 verantwortlich in das elterliche Unternehmen eingestiegen. Mit meinem Vater und mittlerweile auch mit meiner Schwester, seit 2019 verantwortlich für unser Marketing, haben wir einen kompletten Neustart mit völlig neuem Konzept gewagt.

Camper Professional − 2013 war also ein Wendepunkt. Was war damals Ihre zentrale Idee für den Neustart?

Alexander Reichmann − Unsere Wurzeln liegen im klassischen Reisemobilgeschäft mit Konstruktion und Produktion, inklusive Neufahrzeugvertrieb und Service. Wir wollten aber bewusst nicht einfach Wohnmobile bauen und über den Preis konkurrieren. Unser Ansatz war es, Dinge anders zu machen – insbesondere im Vertrieb. Daraus entstand unser DDS-System („Direct Dealer Sales“), mit dem wir den Reisemobil-Vertrieb über Automobilhändler inszeniert haben. Das heißt, wir haben das Image und das professionelle Netzwerk der Renault-Automobil-Händler genutzt um unsere Wohnmobile im Markt zu positionieren und zu verkaufen.

Das EHG (Erwin Hymer Group) Werk in San Casciano in Val di Pesa / Florenz.

Camper Professional − Wie funktioniert dieses DDS-System konkret?

Alexander Reichmann − Wir haben exklusiv Renault-Autohäuser als Point-of-Sales für unsere Fahrzeuge aufgebaut. Interessierte Kunden kommen ins Autohaus und die Renault-Verkäufer haben mit Unterstützung unserer erfahrenen Verkäufer und Berater, per Videokonferenz den Verkaufsprozess vor Ort durchgeführt. So konnten wir das Know-how aus dem Direktvertrieb mit der Infrastruktur etablierter Autohäuser verbinden. Viele dieser mittlerweile 24 Händler wurden im Laufe der Zeit sehr erfolgreich im Reisemobilsegment. Wobei ich erwähnen möchte, dass es sich hier vorrangig um familiengeführte Renault-Händler handelt. Daneben gibt es aktuell drei eigene Ahorn-Vertriebszentren: 2015 haben wir neben der Hauptniederlassung in Speyer eine eigene Vertriebsniederlassung in Mülheim an der Ruhr gegründet. Eine dritte große Niederlassung, wurde in Dietzenbach bei Frankfurt am Main installiert. Hintergrund dafür ist, dass wir als Unternehmen nicht den direkten Kontakt zum Endkunden mit all seinen Erfahrungsparametern verlieren wollen.

Camper Professional − Warum haben Sie sich damals bewusst für Renault als Basisfahrzeug entschieden?

Alexander Reichmann − Mit der neuen Chassis-Generation von Renault haben wir die aktuell technisch modernsten Fahrwerke die zudem branchenweit exklusiv schon jetzt dem ab Juli 2026 geforderten GSRII-Standard entsprechen. Generell hatten wir, respektive unser Vater, schon immer ein gutes Verhältnis zu Renault. Mit unserem Anspruch an hochwertige Chassis war für uns die Marke technisch interessant und sie hatte mit dem Master ein starkes Nutzfahrzeug im Angebot. Deshalb haben wir uns beim Neustart erneut mit Renault zusammengetan, um auf dieser Basis eine komplett neue Wohnmobil- und Campervan-Reihe auf die Beine zu stellen – heute basierend auf dem Renault Master der vierten Generation. Seit Sommer 2025 werden unsere neuesten Modellreihen in Serie in Kooperation mit der Erwin Hymer Group und exklusiv auf dem neuen Master gebaut. Damit ist Ahorn Camp branchenweit der erste Anbieter, der sein komplettes Sortiment exklusiv auf dem neuen Renault Master anbietet. Gleichzeitig sind die Renault-ProPlus-Händler perfekte Partner für unser Konzept, denn wir können Verkauf und technischen Service für Aufbau und Basisfahrzeug aus einer Hand anbieten.

Camper Professional − Was macht dieses Renault-Master-Chassis so besonders?

Alexander Reichmann − Wie bereits gesagt, als erster Reisemobilhersteller am Markt erfüllen unsere neuen Reisemobile bereits heute die ab Juli 2026 verbindlichen EU -Vorgaben. Der neue Renault Master ist aus unserer Sicht das einzige wirklich komplett neu entwickelte Basisfahrzeug auf dem Caravaning-Markt. Er ist kein „Flickenteppich“ aus Weiterentwicklungen, sondern eine komplette Neuentwicklung. Für uns war klar: Unsere zukünftige und exklusive Produktstrategie baut vollständig auf diesem Fahrzeug auf. Und wie gesagt, mit dem neuen Master sind wir aktuell europaweit die erste und einzige Reisemobilmarke, die bereits jetzt vollständig nach GSRII homologiert ist – inklusive Cyber-Security-Anforderungen für den Aufbau. Das war ein sehr anspruchsvoller Prozess. Und der Erfolg gibt uns Recht: wir haben jetzt, auch bedingt durch die Chassis-Maße, an unserem neuen Produktionsstandort in Italien ein komplett neues, technisch hochinnovatives Fahrzeug entwickelt – kein Derivat eines bestehenden Modells. Unsere Fahrzeuge sind aktuell exklusiv die innovativsten auf dem Markt!

Camper Professional − Mit der neuen Generation haben Sie auch den Produktionspartner gewechselt. Wie kam es zur Kooperation mit der Erwin Hymer Group?

Alexander Reichmann − Wir haben 2024 strategisch alles hinterfragt: Produkt, Partnerschaft, Internationalisierung. Und mit der Erwin Hymer Group haben wir einen Produktionskooperationspartner gefunden, der unsere Vision teilt – technologischer Vorreiter zu sein und neue Standards zu setzen. Resultat: Aktuell werden unsere Ahorn Camp Fahrzeuge in San Casciano / Val di Pesa bei Laika produziert. Trotz der engen Kooperation sind wir aber nicht Teil der EHG, sondern bleiben ein eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen. Dennoch spiegelt die aktuelle Konstellation unsere europäische Denkweise wider: Deutsches Engineering, italienisches Design, französischer Motor – eine echte „European Alliance“.

Alexander Reichmann

Camper Professional − Welche technischen Vorteile bietet die neue Kooperation mit der EHG-Gruppe?

Alexander Reichmann − Wir lassen unsere Fahrzeuge in einem der modernsten Produktionsstandorte Europas herstellen und setzen damit in Zukunft auf noch mehr Qualität und Sicherheit. Es ist unser Anspruch, dass Fahrzeuge qualitativ so hochwertig sind, dass der Endkunde und natürlich der Handel nach dem Kauf respektive Verkauf sich nicht mit Nachbesserungen und Gewährleistungsarbeiten herumschlagen muss. Bevor ein Modell in Serie geht, wird der fertiggestellte Prototyp im EHG-Test-Center in Deutschland nochmals intensiv geprüft. Das Ganze auf dem Gelände des Fahrwerksspezialisten Goldschmitt in Walldürn, der ebenfalls zur Hymer-Gruppe gehört. Bereits während der Entwicklung und Montage in Italien und vor der Auslieferung werden mehrstufige Qualitätskontrollen durchgeführt. Damit durchlaufen alle Ahorn Camp-Modelle dieselben anspruchsvollen Prüfprozesse wie namhafte Fahrzeugmarken des Konzerns.

Camper Professional − Neben der Produkt-Innovation haben Sie auch intern viel verändert. Was bedeutet die „neue Ära“ für Ahorn Camp organisatorisch?

Alexander Reichmann − Wir haben stark in Digitalisierung investiert: neue ERP- und CRM-Systeme, digitale Lead-Verarbeitung und eine direkte Systemanbindung für Händler. Dennoch bleiben wir flexibel – „alles kann, nichts muss“. Die Handelspartner können unsere Systeme nutzen, müssen es aber nicht. Außerdem sind wir stolz auf unser umfassendes Marketing, das unter der Führung meiner Schwester, die gesamte Klaviatur der zeitgemäßen Maßnahmen von der klassischen Presse- und PR-Arbeit über das gesamte Spektrum der sozialen und neuen Medien bedient. Diese Kombination aus Struktur und Pragmatismus zeichnet uns aus. Auch in puncto Personal haben wir aufgestockt. Nach dem Neustart im Jahr 2013 war ich zunächst der einzige Mitarbeiter. Inzwischen erfüllen über 100 Mitarbeitende jeden Tag Kunden den Traum vom eigenen Reisemobil.

Camper Professional − Sie vermarkten Ihre Fahrzeuge über die Renault-Händler und parallel im Direktvertrieb. Wie wichtig ist der Endkundenkontakt für Ihre Strategie?

Alexander Reichmann − Extrem wichtig. 50 Prozent unseres Geschäfts machen wir über eigene Niederlassungen. Wir stehen selbst auf Messen, drehen wöchentlich Produkt- und Image-Videos und sind nah an unseren Kunden. Dieses direkte Kunden-Feedback fließt in unsere Produktentwicklung und Vertriebsschulungen ein. Dieses hohe Maß an Individualität und intensiver Kundennähe unterscheidet uns deutlich von vielen klassischen Herstellern.

Camper Professional − Sie planen eine weitere Internationalisierung für Ahorn Camp. Welche Märkte stehen im Fokus – und wo sehen Sie die größten Chancen?

Alexander Reichmann − Neben Deutschland fokussieren wir uns auf Frankreich, Italien, Spanien, Belgien, Polen und Teile Skandinaviens. Besonders spannend ist Polen, da unser 2-Liter-Motor dort steuerlich attraktiv ist. In den anderen Ländern in West- und Südeuropa ist die Marke Renault nicht nur bekannt, sondern auch beliebt – sicher ein Pluspunkt beim Reisemobilverkauf. Für unser Handelskonzept suchen wir aktuell neue Partner in ganz Europa Unser Ziel ist eine ausgewogene Mischung aus Renault-Autohäusern und klassischen Reisemobil-Händlern – alles im Sinne des Aufbruchs in eine neue Ära.